Eishüllen als Fotomotiv


Zauberhafte Eishüllen


Wenn gefrierender Regen die Natur wie von Zauberhand erstarren und fein leuchten lässt

 
Gefrierender Regen - das ist ein gefürchtetes Ereignis im Winter wegen der Gefährdungen des Menschen durch Stürze und des Verkehrs durch Glätteunfälle. Der Naturfotograf, der sich von solchen Widrigkeiten nicht beeindrucken lässt, kann ungewöhnliche Fotomotive vorfinden, Motive, die es in einer freundlicheren Jahreszeit nicht gibt. Ein Trost ist das besonders für den Makrofotografen, dem sich zwar in den Monaten des Wachstums und der Entwicklung des pflanzlichen und tierischen Lebens Motive im Überfluss bieten, der im Winter aber findiger sein muss und darum dankbar für außergewöhnliche Anlässe ist. Auch wenn solche Anlässe nicht gerade angenehme Arbeitsbedingungen mit sich bringen. Abgesehen von den Gefahren durch Glätte ist es die Kälte, die ein wenig Überwindung erfordern kann, hinauszugehen und nach lohnenden Motiven zu suchen - vor allem bei schneidend kaltem Wind, der zudem das Fotografieren durch die Bewegungen des Motivs erschwert. Aber nicht allein die Suche mit den Augen kann Belohnungen bringen. Auch die anderen Sinne werden angesprochen. Kälte ist natürlich zu spüren, aber die Ohren fühlen nicht nur kalten Wind, sondern vernehmen auch etwas, was manchmal eine reizvolle Begleitung dieser Naturerscheinung ist: Bewegt vom Wind, klirren die einander berührenden oder brechenden Eishüllen in den Zweigen der Bäume, und es entstehen Geräusche wie bei einem Glasperlenspiel.

Verzweigung - Hand

Verzweigungen - Nikon Z 8, Nikkor Z 24-120 1:4 S, 120 mm, 1/320 sec, f/5, ISO 200, Stack-Ergebnis aus 8 Aufnahmen

Reiz des Motivs - das Besondere

Regen bei Frost oder bei kurzfristig folgenden Minusgraden kann das Entstehen von Eishüllen um alles filigran Pflanzliche in der Natur bewirken, und diese Hüllen können einige Zeit bestehen bleiben, wenn die Temperaturentwicklung dies ermöglicht. 
Solche Eisumhüllungen nimmt man nicht nur an den Zweigen von Bäumen und Sträuchern wahr, sondern auch an den trockenen Teilen der Pflanzen. Wer über einen Garten verfügt und diese vertrockneten Teile den Winter über hat stehen lassen, statt sie im Herbst abzuschneiden - was ökologisch sinnvoll ist als Hilfe für die Insekten - wird nun für diese Vorsorge belohnt, weil er direkt vor der Haustür ein reiches Spektrum an Formen findet, die mit glasartigen Oberflächen versehen worden sind. 

Knospe, eisumhüllt

Knospe an einem Beerenstrauch - Nikon Z 9, Nikkor Z MC 105mm 1:2,8 VR S, 1/640 sec, f/9, ISO 640, Stack-Ergebnis aus 9 Aufnahmen

Besonders reizvolle Eisschichten bilden sich gern um die Stängel und um die verblühten Fruchtstände. Die Hüllen wirken wie ein Schutz. Zugleich entstehen oft Eiszapfen. Der Formenreichtum ist vielfältig, es mögen zylindrische, röhrenartige Gebilde um Halme und Stängel sein, aber auch Kugeln an Stellen, an denen im Sommer Blüten gesessen haben. Knospen, die sich an Sträuchern bereits gebildet hatten, lassen rötliche Farbspuren erkennen. 
Größere Fruchtstände, die aus dem Herbst zurückgeblieben sind wie etwa bei Hopfen, bringen keine zusätzliche Farbe ins Spiel, aber gegliederte geometrische Formen.



Vereiste Blütentulpe

Tulpenartiger Fruchtstand  - Nikon Z 9, Nikkor Z MC 105mm 1:2,8 VR S, 1/500 sec, f/5,6, ISO 640, Stack-Ergebnis aus 12 Aufnahmen

Kugeliger Fruchtstand mit Eishülle

Strauß aus Fruchtständen -

Nikon Z 9, Nikkor Z MC 105 mm 1:2,8 VR S, 1/400 sec, f/9, ISO 640, Stack-Ergebnis aus 22 Aufnahmen


Zweigspitze eines Geissblattstrauchs mit Eishülle

Zweigspitze - Nikon Z 9, Nikkor Z MC 105mm 1:2,8 VR S, 1/100 sec, f/9, ISO 640, Stack-Ergebnis aus 10 Aufnahmen

Enge Zeitfenster

Auch wenn der Frost über einen längeren Zeitraum andauert, ohne von Temperaturen über dem Gefrierpunkt unterbrochen zu werden, bleibt die Eishülle nicht vollständig und unverändert über mehrere Tage erhalten. Es gibt den physikalischen Vorgang der Sublimation: Gefrorenes Wasser wechselt, ohne den flüssigen Aggregatzustand zu durchlaufen, vom festen (Eis) in den gasförmigen (Wasserdampf).
Abgesehen von den allgemeinen Widrigkeiten wie der Kälte und der Eisglätte erschwert es daher die Arbeit, dass das Fotografieren in einem engen Zeitfenster stattfinden muss, nicht nur, weil Eis bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt schmilzt. Selbst bei andauernden Minusgraden kann man den Vorgang der Sublimation beobachten. Wer die Eishüllen an bestimmten Stellen vergleichend über mehrere graue, sonnenscheinfreie Frosttage hinweg beobachtet, kann den Schwund von Tag zu Tag verfolgen. Selbst wenn die Temperaturen bei Tag und Nacht nahezu konstant z.B. bei unter -10 Grad C liegen und die Sonne sich nicht gezeigt hat, wird man bereits bei einem Vergleich von zwei im Abstand von 24 Stunden aufgenommenen Fotos deutlich sichtbare Veränderungen feststellen. 
Wenn die Sonne scheint - auch bei Temperaturen deutlich unter Null -, verstärkt sich der Prozess. Die Höhe der Luftfeuchtigkeit spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Lokal hängt es vom Mikroklima ab, ob Tau-Effekte eintreten. Bei einem Rundgang, sträflicherweise ohne Kamera, hatte ich vielversprechende Motive einige Dutzend Meter vom Ufer eines Binnensees entfernt entdeckt. Bei der Rückkehr mit der Kamera am nächsten Tag musste ich enttäuscht feststellen, dass in diesem Bereich nahezu alle Eishüllen verschwunden waren, während sie in etwas größerer Entfernung vom See wenig verändert erschienen.


Blütendolden-Fruchtstand mit Eishülle

Dolde eines Spierstrauchs - Nikon Z 9, Nikkor Z MC 105mm 1:2,8 VR S, 1/60 sec, f/9, ISO 640, Stack-Ergebnis aus 11 Aufnahmen


Farbe und Helligkeitsstufen

Eis-Bilder können durch markante Farben wirken, wenn etwa rote Beeren einbezogen werden, die sich im Winter an einigen Bäumen und Sträuchern finden lassen, oder Gelbtöne von Flechten, oder grün gebliebene Blätter - die Natur hält auch im Winter einige Farbtupfer bereit. Grundsätzlich jedoch ist das Farbspektrum eher gedämpft. Bräunliche Töne, die bereits der Herbst gebracht hat, überwiegen in der Vegetation. Manche Bilder wirken dadurch fast monochrom. Sie leben von der feinen Abstufung der Helligkeitsstufen. Helligkeitsstufen-Bilder können subtil die Transparenz des Eises, die Lichtbrechung, Spitzlichter und differenzierte Zonen darstellen.

Strandabschnitt mit Blick auf die Südspitze der Insel Sylt

Cotoneaster-Zweig - Nikon Z 9, Nikkor Z MC 105mm 1:2,8 VR S, 1/200 sec, f/9, ISO 640, Stack-Ergebnis aus 6 Aufnahmen


So gern und oft ich selbst in Schwarzweiß gearbeitet habe und arbeite (und die S/W-Fotografie überhaupt schätze), verzichte ich bei diesen Motiven doch auf diese Art der Reduktion. Es empfiehlt es sich meiner Auffassung nach in der Regel, Farben nicht vollständig aus dem Bild zu tilgen, sondern die natürlichen Farben zu belassen, auch und gerade dann, wenn es eine nahezu monochrome Wirkung geben sollte. Denn das Eis mit seiner Brillanz der glasartigen Klarheit kommt besser zum Ausdruck, wenn die natürliche Farbe der Pflanzenteile bestehen bleibt.


Beerenstrauch-Blatt an aufrechtem Zweig

Verbliebenes Blatt an Beerenstrauch - Nikon Z 9, Nikkor Z MC 105mm 1:2,8 VR S, 1/200 sec, f/9, ISO 640, Stack-Ergebnis aus 10 Aufnahmen

Lichtführung und Ausarbeitung

Das natürliche Licht eignet sich in der Regel gut. Strahlender Sonnenschein ist keineswegs erforderlich und auch nicht unbedingt als optimal einzuschätzen. Das oft im Winter vorherrschende graue Wetter mit diffusem Licht hält Spitzlichter und ausgefressene Bereiche in Grenzen. Aufnahmen gegen einen hellen Hintergrund wie den diffus grauen Himmel können durchaus reizvoll sein. Die Eishülle verfremdet den pflanzlichen Gegenstand. Stumpfe Farben werden zum Leuchten gebracht.

Gekrümmtes Blatt mit dicker Eisfüllung in der Hohlform

Blatt mit dicker Eisschicht in der Hohlform  - Nikon Z 8, Nikkor Z 24-120 1:4 S, 120 mm, 1/320 sec, f/5, ISO 200, Stack-Ergebnis aus 5 Aufnahmen



Fotografische Herausforderungen

Aber neben dem Zeitdruck gibt es auch gestalterische Schwierigkeiten. Zunächst erfordert räumliche Staffelung das Abwägen, welche Schärfentiefe die beste Wirkung erzielt.
 Selbst bei einem gewöhnlich nahezu ein- oder zweidimensional erscheinenden Motiv wie einem Stängel oder einer Blattoberfläche erzeugen die Umhüllungen eine größere räumliche Tiefe. Das Bild lebt oft davon, dass sowohl die Einzelheiten des Pflanzenteils als auch die feinen Strukturen und Formen des Eises gut erkennbar sind. Und selten liegen die Pflanzenteile in einer eng begrenzten Ebene.

Es handelt sich hier fast durchweg um Nah- und Makroaufnahmen. Der Abbildungsmaßstab beträgt bis zu 2:1.


Spieren-Fruchtkörper mit Eishülle, hängend

Eis-Kugel auf vertrocknetem winzigen Blütenstand - Nikon Z 8, Laowa 100 mm F2,8 Macro 2x, f/3,5, 1/1000 sec, ISO 1600, aufgenommen im Abbildungsmaßstab etwa 2:1, Stack-Ergebnis aus 70 Aufnahmen 


Die nötige Mindest-Schärfentiefe wäre im Nah- oder gar Makrobereich selbst durch starkes Abblenden nicht zu erreichen. Außerdem würde dabei der unerwünschte Begleiteffekt auftreten, dass der Hintergrund strukturiert erkennbar wird und dadurch ablenkt, ganz abgesehen von der Verringerung der Schärfe durch Beugungseffekte. 
Wenn gegen den Himmel fotografiert wird, ergibt sich häufig ein homogener Hintergrund. Dieses Vorgehen ist aber in vielen Fällen nicht möglich. 

Ein höherer Grad an Freistellung ergibt sich, wenn bei Nahaufnahmen eine größere freie Distanz zwischen dem Motiv und dem Hintergrund liegt und die Blende weit geöffnet wird. Eine möglichst weitgehende Freistellung erfordert vor allem im Nah- und Makrobereich das Stacking-Verfahren. Damit lassen sich manchmal Hintergrundstrukturen schemenhaft so einbeziehen, dass im besten Fall sogar die Führung des Blicks auf das Wesentliche unterstützt wird. Ein großer Vorteil dabei: Die Einzelbilder können auch mit weit geöffneter Blende aufgenommen werden.


Dünner Zweig,rötlich, mit gekrümmtem Blatt

Rote Stängel und Blatt mit starker Eiskruste  - Nikon Z 8, Nikkor Z 24-120 1:4 S, 120 mm, 1/200 sec, f/5, ISO 200, Stack-Ergebnis aus 15 Aufnahmen 

Strandhafer, eisumhüllt starr, an der Ostseeküste

Strandhafer an der Ostseeküste  - Nikon Z 8, Nikkor Z 24-120 1:4 S, 98 mm, 1/320 sec, f/9, ISO 200, Stack-Ergebnis aus 7 Aufnahmen



So viele Hindernisse liegen im Weg. Dabei noch einen brauchbaren Bildaufbau zu erhalten wird zur Herausforderung. 
Bei den besonderen winterlichen Verhältnissen ist es häufig schwierig, manchmal unmöglich, erfolgversprechend mit dem Stativ umzugehen. Darum ist es nützlich, das Stacking-Verfahren aus der freien Hand zu üben. Nur wenige Kamerasysteme erleichtern dies. inzwischen haben zwar fast alle Hersteller Fokusverlagerungsreihen in die Einstellungsmöglichkeiten ihrer anspruchsvolleren Kameras einbezogen. Leider erweisen sich viele in der Praxis der Naturfotografie als wenig hilfreich, weil sie bei den Erfordernissen, die hier vorliegen, nicht anwendbar sind. Dann muss die Schärfenebene von Aufnahme zu Aufnahme manuell verändert werden, wie es hier durchweg bei allen Bildern geschehen ist.
Die hier gezeigten Bilder sind im manuellen Stacking-Verfahren aufgenommen, die meisten freihändig. Bis zu 70 Bilder waren nötig, um das Ergebnis zu erzielen.


Eichenblatt - Nikon Z 8, Nikkor Z 24-120 1:4 S, 72 mm, 1/50 sec, f/4,5, ISO 200, Stack-Ergebnis aus 7 Aufnahmen

So viele Unannehmlichkeiten bei der Motivsuche und bei der Aufnahme, dazu der Aufwand bei der Ausarbeitung!

Als Entschädigung bleibt die Gewissheit, dass die entstandenen Bilder einmalig sind, nicht wiederholbar, und dass sie einen ungewöhnlichen Zustand festhalten.

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